Ayurveda – Die Wissenschaft vom Leben

Eine kurze Einführung von Iris Hüttner

Iris Hüttner

ist seit 2005 Ayurveda-Beauftragte des Deutschen Wellness Verbandes und bemüht um ein qualitativ gutes Angebot von Ayurveda im Wellness-, Präventions- und medizinischen Bereich. Sie ist Inhaberin der 1988 gegründeten Münchener Agentur ARTEMEDIA für Marketing * Kommunikation * Eventmanagement, Autorin verschiedener Beiträge über Ayurveda und Herausgeberin des Fachpressedienstes EUROPEAN MEDIA SERVICE AYURVEDA©.       
Iris Hüttner steht in kontinuierlichem Austausch mit Ayurveda Repräsentanten aus den Herkunftsländern und Europa, Verbänden, Ärzten und Anbietern von Ayurveda-Ausbildungen, Ayurveda-Produkten und Ayurveda-Dienstleistern, wie Ressorts im In- und Ausland.


Ayurveda gilt als das älteste ganzheitliche Heilsystem der Menschheit, ist von der WHO als Naturheilkunde anerkannt und ist erstrangig als ein präventives medizinisches System zu verstehen, das den Menschen gesund erhält und Krankheit zu vermeiden sucht. Ist eine Erkrankung eingetreten, bietet Ayurveda, vor allem bei chronischen Leiden, vielseitige Hilfe. Dabei wird stets der Mensch als ganzheitliches Individuum behandelt und nicht allein die Krankheit fokussiert.

Wo liegen die Wurzeln des Ayurveda?

Das Wissen des Ayurveda entstammt der vedischen Hochkultur. Es wurde über einen langen Zeitraum in Sanskrit, der indischen Gelehrtensprache, mündlich überliefert, ehe in der Zeit um und nach Christi Geburt umfassende ayurvedische Kompendien entstanden. Die noch heute für Studium und Praxis in der Ayurveda-Medizin verwendeten Sanskrit-Schriften sind die Caraka-Samhit (entstanden vermutlich um Christi Geburt) und die Suruta-Samhit (entstanden zwischen 1. und 3. Jh.n.Chr.) und zwei Werke, die dem Gelehrten Vgbhata (7. Jahrhundert) zugeschrieben werden, nämlich der Astangasamgraha ("Zusammenfassung der achtteiligen Wissenschaft") und die außerordentlich angesehene Astangahridayasamhit ("Sammlung der Essenz der achtteiligen Wissenschaft").

Ayurveda hatte großen Einfluß auf die Entwicklung der chinesischen, der ägyptischen und der islamischen Medizin. Der bedeutende persische Arzt und Philosoph Ibn Sina (980 – 1037 n.Chr.), in Europa bekannt als Avicenna, rühmte das indische Heilsystem u.a. in seinem Hauptwerk, dem "Medizinischen Kanon", der ins Lateinische übersetzt wurde und über Jahrhunderte für europäische Mediziner ein Standardwerk darstellte.

Wer heute Ayurveda-Arzt werden möchte, absolviert in Indien oder Sri Lanka in 11 Semestern ein Hochschulstudium in ayurvedischer Medizin. Nach Studienabschluß erfolgen Praxisjahre und ein lebenslang anhaltender Lernprozess, bei dem weniger erfahrene Ärzte von sehr erfahrenen Ayurveda-Ärzten (Vaidyas) begleitet werden oder deren Rat suchen.

Wer darf Ayurveda als medizinische Behandlung in Deutschland anwenden?

Um als Ayurveda-Arzt in Deutschland zugelassen zu sein, ist ein schulmedizinisches Studium Voraussetzung. Danach liegt es beim Arzt, wie er sich das Wissen um den Ayurveda aneignet. Ein- bis zweijährige Studienaufenthalte in Indien zählen zu den profundesten ärztlichen Ayurveda Ausbildungen im deutschsprachigen Raum. Manche Ärzte absolvieren in Deutschland, Österreich oder der Schweiz Ayurveda-Seminare oder besuchen zu bestimmten Krankheitsbildern Fachseminare.
Der Begriff Ayurveda-Arzt ist bisher nicht geschützt.

Prof. L.M. Singh, Ayurveda-Vaidya aus Kathmandu sagte kürzlich auf einer Ayurveda-Konferenz in der Ayurveda-Klinik in Kassel: "Das Beste ist es, wenn die besten schulmedizinisch ausgebildeten Ärzte mit den besten Ayurveda-Ärzten zusammenarbeiten."

Was unterscheidet Ayurveda so sehr von unserer Hochschulmedizin?

Ayurveda rückt den gesamten Menschen in das Blickfeld. Dazu gehören Körper und Geist als eine Einheit, die Seele, individuelle Lebensumstände und die Umwelt.
Die Basis bildet für das Individuum seine Prakriti, die Konstitution bei Geburt, die der Arzt ermittelt. Wenn sich das aktuelle Befinden von der Prakriti entfernt, und das ist aufgrund der Lebensumstände bei vielen Menschen der Fall, spricht man von Vikriti. Nun spielen die drei Doshas Vata, Pitta und Kapha eine Rolle. Diese drei Bioenergien sind in jedem Menschen vorhanden, jedoch in unterschiedlichen Proportionen.
Das alles macht die Bestimmung des Konstitutionstypus sehr kompliziert und setzt Erfahrung voraus.

Welche Bedeutung haben die "Doshas"?

Vata, Pitta und Kapha bestehen aus den fünf Elementen, die den Kosmos, ebenso wie den menschlichen Körper bilden: Vata aus Raum und Luft, verkörpert das Element Bewegung; Pitta aus Feuer und einem kleinem Anteil Wasser, verkörpert die Veränderung; Kapha aus Wasser und Erde, verkörpert die Beständigkeit.

Darüber hinaus sind den drei Doshas auch geistige und emotionale Zustände zugeordnet und, einer der Grundpfeiler des Ayurveda überhaupt, die Eigenschaften von Nahrungsmitteln.
Die Ernährung ist im Ayurveda so bedeutend, da sie dem Körper zuführt, woraus er sich bildet. Buchstäblich trifft hier zu: "Der Mensch ist, was er ißt".

Alle drei Doshas finden Entsprechung im gesamten Organismus, in der Körpergestalt und äußerlichen Merkmalen, sowie in Verhalten und Krankheitsbildern.

Mittels verschiedener Diagnoseverfahren, wie Anamnese, Zuordnung genannter körperlicher Merkmale, Zungendiagnose und der hohen Kunst der Pulsdiagnose diagnostiziert der Ayurveda-Arzt unter Einbeziehung der Symptome das Ungleichgewicht der Doshas.
 Heute werden in Krankheitsfällen durchaus Blutwerte oder andere konsiliarische internistische Berichte hinzugezogen.

Danach folgt die Einleitung von therapeutischen Maßnahmen zur Wiedererlangung der Balance der Tridoshas. Diese bestehen unter anderem aus angepasster Ernährung, Ölanwendungen, Schwitzbädern, medikamentösen Verabreichungen, Entgiftung des Körpers (Pancakarma = 5 Handlungen).

Ölmassagen & Co. - und was es damit auf sich hat

Ayurveda setzt verschiedene Massagepulver oder Basisöle (Sesamöl, Kokosöl) ein, die je nach Konstitution und eventuellem Krankheitsbild mit Kräutern versetzt in langwierigen, traditionellen Verfahren hergestellt werden.
Die beabsichtigte Wirkung – entgiftend, nährend, heilend - beruht also auf der genauen Kenntnis der Eigenschaften des verwendeten Öls und seiner Zusätze.

Diese "gereiften" Öle dringen in kurzer Zeit durch die Haut bis in tief liegende Körperzellen vor.
Ist eine Entgiftung beabsichtigt, binden die Öle die dort vorhandenen Giftstoffe und transportieren diese über die feinsten Kanäle hin zu immer größeren Kanalsystemen des Körpers. Nach einigen Tagen, abhängig von der Dauer der Entgiftungskur, werden die Abfallprodukte aus dem menschlichen Körper ausgeleitet.
Die Entgiftungsphase kann tief greifende psychische Reaktionen bewirken. Es ist daher dringend empfohlen, dem Körper und Geist Ruhe zu gönnen. Yoga und Meditation wirken unterstützend.
Der Ausleitungsphase folgt die nährende Phase. Dem Körper werden, auch über Ölmassagen, aufbauende und regenerierende Nährstoffe zugeführt.

Von Tag zu Tag spürt der Kurende, wie seine Lebensgeister zurückkehren. Wenn die Kur erfolgreich verläuft, fühlt er sich am Ende wie neu geboren. Das heißt, er ist wieder in der Balance bzw. sehr nahe seiner Prakriti.

Eine sehr intensive Behandlungsform ist der Shirodara (Stirnölguss), der bei geschwächten oder sensiblen Menschen eine starke Wirkung auf Kreislauf und Psyche ausüben kann.

Neben den Ölbehandlungen, die Einreibungen, Massagen, Ölgüsse umfassen, greift der Ayurveda auch auf pflanzliche Kräuterpastillen, Tinkturen und Pulver zurück.

Die Stärken des Ayurveda

Ayurveda ist ein ganzheitliches System seinen Körper, Geist und Seele zu pflegen und möglichst vor Krankheit zu schützen.

Ist es zu einer Krankheit gekommen, verfügt die Ayurvedamedizin über ein breites Spektrum an Therapien. Ihre Stärken liegen in der Behandlung einiger chronischer Krankheiten, wie Asthma, Diabetes, Migräne, Bluthochdruck und Neurodermitis.

Nach Operationen hilft eine medizinische Ayurvedabehandlung den Körper mittels der Ausscheidung von Giften zu entlasten und trägt damit wesentlich zu einer Rekonvaleszenz bei.

Warum erfeut sich Ayurveda steigender Beliebtheit?

Ayurveda nimmt sich des ganzen Menschen in seiner Individualität an - bildhaft und logisch. Ayurveda ist eine reine Naturmedizin. Eine ayurvedische Diagnose bleibt für den einzelnen nachvollziehbar. Zugleich erfährt er eine tiefgreifende Beschreibung seiner Person aus neuer Sicht. So kann er mitwirken, sich seiner Prakriti wieder anzunähern.
Allein mit der Ernährung ist es jedem einzelnen möglich im Alltag viel zum Ausgleich seiner Doshas beizutragen und schon damit Krankheit möglichst zu vermeiden.

Ein weiterer Grund für die Beliebtheit des Ayurveda liegt sicherlich auch in der positiven Berichterstattung jener, die in Indien oder Sri Lanka eine Kur zur Prävention oder Nachbehandlung in einem Ayurveda-Resort gebucht und deren wohltuende Wirkung nach Rückkehr noch monatelang gespürt haben.
In solchen Fällen war eine intensive ärztliche Betreuung gegeben, konnten offene Fragen meistens mit einem sehr erfahrenen Ayurveda-Arzt besprochen werden, war ein gut ausgebildetes Therapeutenteam im Einsatz und wurde die Ernährung dem Konstitutionstyp und den ärztlichen Vorgaben angepasst.

Auch die zunehmende, leider oftmals sachlich falsche und romantisierende Berichterstattung über Ayurveda in den Medien und die Werbung von vielen privaten Instituten, Ayurveda-Einrichtungen und Hotels dürfte für die Popularität des Ayurveda in Deutschland mit verantwortlich sein.
Wer hat nicht schon einmal das Fotomotiv einer entspannt auf dem Rücken liegenden Dame in einem luxuriösen Ambiente gesehen, der ein dünner Ölstrahl über die Stirn fließt?

Was steckt hinter den vielen "Ayurveda-Angeboten"?

Leider zu oft alles andere als Ayurveda. Informieren Sie sich deshalb über Ayurveda, bevor Sie Anwendungen buchen. Am besten ist es, wenn Sie sich bei einem Ayurveda-Arzt zuvor Ihren Konstitutionstyp bestimmen lassen. Von großem Vorteil ist es, wenn er Ihnen bereits Anwendungen und eventuell eine Ayurveda-Einrichtung empfiehlt. Wenn Sie diese Möglichkeit nicht haben, fragen Sie bei Buchung eines Anwendungstermins nach der Ausbildung der behandelnden Person. Prüfen Sie die hygienischen Verhältnisse der Einrichtung. Achten Sie darauf, ob das zur Anwendung kommende Öl Ihrem Konstitutionstyp gerecht wird und daß es mindestens auf Körpertemperatur erwärmt appliziert wird. Fragen Sie nach dem Basisöl. Fragen Sie ruhig auch nach der Marke des Öls. Es müssen auf alle Fälle pestizidfreie naturreine Öle verwendet werden.
Und Sie sollten wissen: Ayurveda hat nichts mit wohlriechender Aromatherapie zu tun.

Was kann ich selbst zu meiner Gesunderhaltung tun?

Ayurveda ist eine Lebensphilosophie, die Selbstverantwortung fordert und gelebt werden möchte, um ihre optimale Wirkung zu zeigen. Dazu gehören eine gesunde Lebensführung, gesunde Ernährung, Ölanwendungen, tägliche Körperhygiene, die über die uns bekannte weit hinaus reicht, und möglichst sollten Yoga und Meditation praktiziert werden.
In einem so gepflegten Körper und Geist ist die Wirkung von Massagen, Stirnölgüssen, Dampfbädern oder Kräuterverabreichungen weitaus höher und anhaltender als bei einem Körper, der stets ans Limit des ihm Zumutbaren getrieben wird, und dem nur mal zwischendurch etwas Gutes gegönnt wird.

Wer Ayurveda konsequent lebt, wird in relativ kurzer Zeit seine positive Wirkung auf das persönliche Wohlbefinden im Alltag bemerken und sich bald nahe seiner Prakriti "wie neu geboren" fühlen.

Wo finde ich seriöse Ayurveda-Angebote?

Der Deutsche Wellness Verband ist in Vorbereitung von Qualitätskriterien für Ayurveda-Angebote. Sobald diese Kriterien in ärztlicher Zusammenarbeit definiert sind, wird der Deutsche Wellness Verband Anbietern von Ayurveda-Produkten, Ausbildungen und Dienstleistungen die Möglichkeit anbieten, ihre Angebote über ihn zertifizieren zu lassen.
Der Deutsche Wellness Verband wird darüber auf seinen Internetseiten informieren.

Bis es soweit ist, empfehlen wir Ihnen mit gesunder Skepsis Ayurveda-Angebote zu prüfen, gegebenenfalls unter Beachtung der oben genannten Tipps.

Iris Hüttner, die Autorin dieses Beitrages, ist Ayurveda-Beauftragte des Deutschen Wellness Verbandes e.V.