Wellness-Beiträge



Medical Wellness: Echter Trend oder trügerischer Irrweg?

(Verfasser: Lutz Hertel)
In den letzten Jahren hat der Begriff Medical Wellness eine erstaunliche Karriere gemacht – jedoch offenbar hauptsächlich in Form von Pressemeldungen,Verheißungen und Spekulationen.

In einer im Frühjahr 2009 veröffentlichten Studie der Universität Greifswald kamen ernüchternde Fakten ans Licht: Die bundesweite, repräsentative Befragung zum Gesundheitstourismus belegte, dass sich potenzielle Gesundheitsurlauber nicht etwa für ärztliche Behandlungen oder örtliche Kurmittel interessieren, sondern in erster Linie für Entspannungsangebote und Programme zur Aktivierung des Körpers – also das, was bislang konzeptionell unter Wellness verstanden wird. "Nur wenige können zudem etwas mit Medical Wellness anfangen", erläuterte Projektleiterin Prof. Dr. Monika Rulle. "Den Begriff kennt nur ca. jeder fünfte Deutsche (21,8 %). Fast alle (84,2 %) können sich jedoch etwas darunter vorstellen. Die Assoziationen gehen jedoch in sehr unterschiedliche Richtungen." Eine zur gleichen Zeit veröffentlichte Studie des Instituts Arbeit und Technik (IAT), des Regionalverbandes Ruhr und des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung zur Gesundheitswirtschaft in der Metropole Ruhr führte zu ähnlichen Ergebnissen. Die IAT-Gesundheitsökonomin Michaela Evans rät deshalb dringend davon ab, eine Marketingstrategie ausschließlich auf Grundlage des Begriffs "Medical Wellness" aufzubauen. Auch in der vom Deutschen Wellness Verband und GfK Travelscope Anfang 2009 durchgeführten bundesweiten Repräsentativbefragung WELLNESS SENSOR zeigte sich, dass der Wunsch nach körperlichem und seelischem Ausgleich die Hitliste der Reisemotive anführt. Prävention oder eigenverantwortliche Urlaubsaktivitäten für die Gesundheit nach durchlaufenen Reha-Maßnahmen besitzen demgegenüber als Reisemotive so gut wie keine Bedeutung.

Von verschiedenen Organisationen und Unternehmen wird dennoch seit Jahren der Versuch unternommen, Medical Wellness als Konkurrenzmarkt oder -marke zu Wellness zu etablieren. Es wurde von einzelnen Protagonisten sogar behauptet, dass es sich um einen bedeutenden Wachstumsmarkt im Gesundheitstourismus handele. Die hierfür vorgebrachten Argumente erscheinen bislang alles andere als überzeugend. Davon abgesehen beweisen die empirischen Daten, dass es den angeblichen Megamarkt in Wirklichkeit nicht gibt. Auch der Versuch, Hoteliers durch Zertifizierungen für Medical Wellness zu interessieren, muss bislang als gescheitert betrachtet werden. Warum auch sollte sich ein Hotelier für ein Medical-Wellness-Zertifikat interessieren, wenn acht von zehn Gästen noch nicht einmal den Begriff kennen?

Wellness aus der Sicht des Gastes verstehen

Die Idee, Wellness mehr mit gesundheitsorientierten Motiven in Verbindung zu bringen, ist indessen grundsätzlich nicht verkehrt. Dies hat dann aber nicht unbedingt etwas mit Medizin oder Medical zu tun. Dem heutigen, realen Verständnis von Wellness auf Kundenseite steht leider immer noch eine klischeehafte, irreführende Darstellung in den Medien gegenüber. Dieses falsche Bild hat wohl auch die Mehrzahl der Hoteliers infiziert. Insbesondere die Bildersprache – auch in Prospekten, Katalogen und auf Internetseiten – vermittelt penetrant den falschen Eindruck, Wellness beschränke sich auf Kosmetikbehandlungen, Wohlfühlmassagen und hübsch gestaltete Badelandschaften. Aus der empirischen Sozialforschung ist hingegen seit vielen Jahren bekannt, dass die Gäste unter Wellness weit mehr und anderes verstehen. Eine im Auftrag des Axel-Springer-Verlages durchgeführte Studie belegte etwa, dass Wellness im Verständnis der Verbraucher aus sieben Dimensionen von Lebensqualität besteht:  Körperliche Aktivität, Lust auf und an Genuss, Körpersensibilität, Stressabbau, Selbstbesinnung, Leben im Einklang von Körper und Geist, Natur. Wenn man von diesen Wünschen bzw. Bedürfnissen der Gäste ausgeht, gewinnt man ohne viel wissenschaftliches Studium bereits ein sehr zutreffendes Wissen über Gesundheit, Wellness und die Motive der Nachfrageseite im Markt. Der Deutsche Wellness Verband (DWV) hat entsprechend schon vor vielen Jahren klargestellt, dass Wellness nicht nur luxuriöse Verwöhnbehandlungen umfasst, sondern alle gesunden Aktivitäten zur Steigerung des körperlichen und seelischen Wohlbefindens. Hierzu gehören körperliche Bewegung, eine die Gesundheit erhaltende und fördernde Ernährung, Entspannung und Stress-Balance, wohltuende Körperpflege und -hygiene, positive persönliche Beziehungen sowie geistige Aktivitäten, die dem eigenen Leben Orientierung und Sinn geben.

Medical Wellness - ein Nonsens-Begriff

Wohlbefinden und Lebensqualität lassen sich auf verschiedene Weise erfahren: physisch, emotional, mental, sozial (zwischenmenschlich) und wohl auch spirituell. Was es allerdings nicht gibt, ist medizinisches Wohlbefinden. Insofern macht der Begriff „Medical Wellness“ von vornherein keinen Sinn und er wird von Fachleuten auch konsequent als Nonsens bezeichnet. Man kann den Menschen zwar medizinisch betrachten oder behandeln, „medizinisch“ ist jedoch keine menschliche Eigenschaft und auch Wohlbefinden kann nicht medizinisch sein. Um die weiteren Ausführungen nun aber nicht ad absurdum zu führen, wollen wir dennoch den Begriff „Medical Wellness“ hinnehmen und weiter hinterfragen, ob man zumindest eine sinnvolle Anwendung für ihn konstruieren kann.

Verknüpft man „Wellness“ mit dem Zusatz „Medical", so könnte es sich dabei um spezielle Aktivitäten zur Steigerung des körperlichen und seelischen Wohlbefindens handeln, die aus medizinischen Gründen bzw. in einem medizinischen Umfeld (Klinik, Arztpraxis, etc.) zweckmäßig erscheinen. Einerseits haben Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen auch den Wunsch nach Wellness, andererseits sind nicht alle Wellnessangebote für Menschen mit gesundheitlichen Störungen oder Defiziten geeignet. Eine medizinische Betrachtung oder auch Mitwirkung bei Wellness-Angeboten und –Aktivitäten kann also durchaus günstig für einen Gast sein und ggf. sogar ausdrücklich von ihm gewünscht werden.

Lebensstilmedizin mit Wellness-Faktor

Wenn Veränderungen des Verhaltens gezielt angestrebt werden, um einen gestörten Gesundheitszustand günstig zu beeinflussen, spricht man von Verhaltensmedizin (international: „behavioral medicine“) oder Lebensstilmedizin (international: "lifestyle medicine"). Hierbei spielen allerdings (ärztliche) Behandlungen oder Anwendungen kaum eine Rolle. Im Zentrum steht der Lebensstil, konkret: die Bewegungs- und Ernährungs-Gewohnheiten sowie die Verhaltensmuster im Umgang mit mentalen, emotionalen oder sozialen Belastungen. Die entsprechende, von Wellnessexperten vermittelte Änderung der Lebensweise wird erfahrungsgemäß nur dann erfolgen, wenn das erforderliche Verhalten mit Genuss und Freude sowie mit einem Zugewinn an selbst empfundener Lebensqualität verbunden ist. Aus diesem Grund spielt das Konzept Wellness in Verbindung mit der Verhaltensmedizin auch eine nachvollziehbare, unzweifelhafte Rolle: Das gesündere Leben muss auch subjektiv als das bessere und leichtere empfunden werden. Fällt die persönliche Kosten-Nutzen-Rechnung der gesünderen Lebensweise hingegen nicht positiv aus, so besteht kaum Hoffnung auf eine Änderung von Verhaltensmustern und Gewohnheiten im Lebensalltag.

Keine Erfolgsaussichten ohne Weiterbetreuung

Wellnessprogramme mit fachärztlicher Begleitung sind gerade für Menschen mit Risikofaktoren oder bereits manifesten chronischen Erkrankungen indiziert, bei denen die Lebensführung einen großen Einfluss auf Entstehung und Verlauf der Erkrankung hat. Hierzu gehören unter anderem Personen mit Rückenbeschwerden, rheumatischen Erkrankungen, Herz-Kreislauferkrankungen und deren begünstigenden Risikofaktoren wie Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht, Metabolisches Syndrom, Nikotinsucht, aber auch all jene, die unter stressbedingten Beschwerden und Störungen leiden. Die Rehabilitationsforschung hat belegt, dass zeitlich auf wenige Wochen begrenzte Programme (auch unter ärztlicher Leitung) schon mittelfristig keine nennenswerten Auswirkungen auf die gewünschten Verhaltensänderungen und die korrespondierenden Risikofaktoren haben. Erst wenn eine langfristige fachliche Begleitung der Menschen erfolgt, besteht Aussicht auf eine Stabilisierung der angestrebten Lebensstiländerungen. Diese Erkenntnis lässt sich ohne Weiteres auf den Wellness-Tourismus übertragen: Es ist durchaus möglich, Gästen ein Wellnessprogramm mit medizinischem Hintergrund und/oder medizinischer Betreuung zu arrangieren. Ein nachhaltiger Nutzen entsteht jedoch in der Regel nur dann, wenn eine weitere professionelle Betreuung gewährleistet ist. Dies würde eine enge Kooperation von Hotels oder Kliniken mit Wellness-Anbietern am Wohnort der Gäste voraussetzen – oder einen regelmäßigen weiteren Besuch des Hotels bzw. der Klinik. Dabei existieren allerdings noch zu wenige Erkenntnisse darüber, in welchen Intervallen solche Follow-Ups erfolgen sollten. Eine italienische Studie zeigte moderate Effekte, wenn über drei Jahre ein zunächst monatliches und dann halbjährliches Follow-Up-Training mit den herzkranken Teilnehmern erfolgte.

Präventionsprogramme der Krankenkassen und Medical Wellness

Aus diesem Grund erscheinen die Präventionsprogramme der Krankenkassen nach § 20 Sozialgesetzbuch V, die inzwischen auch in Hotels angeboten und von den Krankenkassen mitfinanziert werden,  hinsichtlich ihres Nutzwertes mehr als fragwürdig. Hier werden Kursprogramme, die üblicherweise über acht bis zwölf Wochen am Wohnort stattfinden, auf sieben und weniger Tage im Rahmen eines Hotelaufenthaltes komprimiert. Die Krankenkassen übernehmen unter bestimmten Qualitätsbedingungen anteilig die reinen Kurskosten (nicht jedoch die Reise-, Unterkunfts- und Verpflegungskosten). Es steht zwar grundsätzlich außer Frage, dass bestimmte Bewegungsarten wie Walking, Nordic Walking, Jogging oder Wassergymnastik eine günstige Wirkung auf die Gesundheit haben, dies jedoch nur, wenn sie auch nach den Urlaubstagen regelmäßig – im Idealfall täglich für mindestens 30 Minuten – korrekt ausgeführt werden. Eine Sicherstellung dieser notwendigen Routine fehlt. Gleiches gilt für die Ernährung und die Reduzierung von mentalen, emotionalen und sozialen Belastungen durch Entspannungsmethoden und Stress-Management-Techniken. Es sollte an dieser Stelle auch festgehalten werden, dass Primärprävention nach § 20 keine medizinischen Programme oder medizinische Betreuung beinhaltet – auch keine Massagen, Schlammbehandlungen oder sonstige Anwendungen von örtlichen Heilmitteln. Die entsprechenden Kursprogramme werden aus gutem Grund in der Regel von Sportpädagogen, Physiotherapeuten, Ernährungswissenschaftlern, Diplom-Psychologen und –Sozialpädagogen durchgeführt. Eine konzeptionelle Verknüpfung von Medical Wellness und Krankenkassen-Prävention ist von daher nicht gegeben. Gesunde bzw. Noch-Gesunde brauchen nach Ansicht des deutschen Gesetzgebers keinen Arzt bzw. keine medizinische Behandlung. Erst bei der Sekundärprävention, die dasr frühzeitige Erkennen von Krankheiten einschließt, kommen medizinische Untersuchungen sinnvoller Weise zum Tragen. Diese diagnostischen, teils auch von den Krankenkassen finanzierten Angebote (z.B. Gesundheits-Checkup ab 35) gehören konzeptionell nicht in den Wellness-Bereich. Sie können aber Ausgangspunkt für die Motivierung von Menschen zu Wellnessaktivitäten sein.

Vertreter der Krankenkassen geraten davon abgesehen in politische Bedrängnis, wenn sie einerseits Wellness-Leistungen für ihre Versicherten finanzieren und auf der anderen Seite medizinische Maßnahmen aus ihrem Leistungskatalog streichen. Medienberichte über angebliche Präventionsprogramme in Wellnesshotels oder auf Kreuzfahrten haben bereits ein schlechtes Licht auf das Geschäft mit dem „Urlaub auf Krankenschein“ geworfen. Die Gewährung von Zuschüssen wird offenbar von den Kassen teilweise sehr locker gehandhabt und die zulässigen Höchstbeträge der Förderung gelegentlich auch deutlich überschritten. Da die Bevölkerungsgruppen, die bei der Inanspruchnahme von Präventionsangeboten einer finanziellen Unterstützung bedürfen, durch diese Reisen ohnehin kaum oder gar nicht erreicht werden, stellt sich auch aus diesem Grund die Frage nach dem Sinn solcher Zuschussprogramme auf Kosten der Solidargemeinschaft. Es drängt sich der Eindruck auf, dass es den Krankenkassen vornehmlich um Marketingeffekte geht, um durch solche Zusatzleistungen den Bestand ihrer Versicherten zu halten und als attraktiv für neue Versicherte zu erscheinen. Allerdings ermittelte eine aktuelle forsa-Umfrage unter Krankenkassen-Versicherten, dass nur jeder Zweite überhaupt von der Möglichkeit der bezuschussten Präventionsprogramme im Urlaub weiß und dass nur neun Prozent davon schon Gebrauch gemacht haben.

Ein vorläufiges Fazit

Medical Wellness hat den Erkenntnissen der Marktforschung zufolge keine nennenswerte Bedeutung für den Tourismus und die Hotellerie. Auch unter konzeptionellen Überlegungen macht Medical Wellness keinen Sinn. Allenfalls könnte man von „Medizin & Wellness“ sprechen, wenn bereits kranke Menschen von einer zusätzlichen medizinischen Betreuung im Rahmen eines Wellnessprogramms profitieren. Dies mag bei verschiedenen Krankheitsbildern Sinn machen, bei denen der Lebensstil eine große Rolle spielt. Selbst dann entscheidet über den Erfolg weniger die Anwesenheit eines Arztes, sondern viel mehr dessen passende Ausbildung, seine Erfahrung und die persönliche Eignung für eine solche Tätigkeit im speziellen Umfeld eines Urlaubshotels sowie das Vorhandensein eines kompetenten Teams von Trainern und Therapeuten. Wenige Anbieter im Gesundheitstourismus beherrschen bislang die Symbiose aus Wellness und Medizin. Hier sind die Ärzte in der Regel Teil des Familienbetriebes. Sie weisen eine hochgradige Spezialisierung für ihre Tätigkeit auf und häufig identifizieren sie sich für die Gäste absolut glaubhaft und sichtbar mit ihren jeweiligen Gesundheitskonzepten und –programmen. Wenn überhaupt der Begriff Medical Wellness im Tourismus eine Zukunft hat, dann sollte er diesen echten, aber sehr wenigen Spezialisten vorbehalten bleiben. Dies alles darf nicht darüber hinweg täuschen, dass Menschen immer noch zu viel von der Medizin und zu wenig von sich selbst erwarten.

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