Yogasutras: Höheres Wissen und Verstehen

Der folgende Text wurde von Ulrich Borggräfe verfasst, der 1993 das Herzprogramm von Prof. Dean Ornish kennen lernte und ihm bis heute folgt.

Im Yoga leben heißt,
unmittelbar, von Augenblick zu Augenblick,      
ohne hemmende Bindung an die Vergangenheit,         
ohne eingeschliffene Gewohnheiten                               
oder eine überkommene Weltanschauung leben.
Patanjali

Als ich vor nunmehr fast zwei Jahrzehnten im Rahmen der von der Universität Düsseldorf  betriebenen Interventionsstudie „Lebensstilveränderung und Verlauf der koronaren Herzkrankheit“ erstmalig mit Yoga in Berührung gekommen bin, konnte ich nicht wissen, dass mich Yoga mein weiteres Leben lang begleiten würde. Der Umstand, dass ich auf diesem Weg den Schritt vom Leben mit „Yoga fürs Herz“ zum „Leben im Yoga“ machen konnte, war für mich von großer Bedeutung.

Auf dem langen Übungsweg, den ich bis heute gegangen bin, hat mich folgender Hinweis, der den Ornish-Schülern in der Praxis-Anleitung „Yoga fürs Herz“ mit auf den Weg gegeben wurde, begleitet und motiviert:

 „Yoga beinhaltet auch eine geistige Auseinandersetzung mit dem Leben. Er befasst sich mit der Art und Weise, unter welchen philosophisch, ethischen oder religiösen Anschauungen wir unser Leben und Handeln verantworten. Aus diesem Grund gehört zum Yoga auch das Lesen der alten Schriften oder Texte, die Menschen für sich selbst als Quellen höheren Wissens und Verstehens nutzen können“

Ich habe die Aufforderung zur „geistigen Auseinandersetzung“ angenommen und mich bemüht, „die alten Schriften und Texte“ aufzuspüren und mich mit ihnen eingehend zu befassen. Im Folgenden werde ich kurz auf ein paar Meilensteine meines Yogaweges eingehen, wobei an dieser Stelle betont werden muss, dass die von mir aufgezeigten Meilensteine im Hinblick auf das Gesamtumfeld von Yoga nur jeweils kleine Facetten sein können.
Ursprünglich war Yoga eine ausschließlich mündliche Tradition. In den Heiligtümern der Gelehrten fand man aus diesem Grund lediglich einige alte beschriebene Palmblätter. Die älteste Darstellung einer Yogaposition fand man auf einem Steinsiegel, das etwa 2.000 vor Chr. hergestellt wurde.

Yoga wird auch in der ältesten mythologischen Dichtung Indiens, in den Veden und Upanishaden, erwähnt. Dort heißt es“ Wenn die fünf Sinne und der Geist ruhig sind, dann beginnt der höchste Pfad der Weisheit“. Die Konzentration der Sinne und das Ruhen des Geistes spielen unverändert auch im Yoga von Heute eine große Rolle.

Die Natrya Shastra

Wenn wir als Ornish-Schüler gehalten waren, unser Herz zu öffnen und uns mit unseren Gefühlen gegenüber unserer Umwelt zu outen, dann fand ich in Natrya Shastra, einer in der Himalaja-Region wichtigen Geheimlehrschrift des Tantra-Yoga die geistige Grundlage hierzu. Der Autor dieser Schriften, Bharata, macht darin die menschlichen Gefühle wie Liebe, Wut, Ekel, Heiterkeit, Mitempfinden, Angst , Staunen zum Thema seiner Untersuchungen und gibt uns konkrete Empfehlungen, wie wir im Alltag mit diesen Gefühlen umgehen sollen, um sie jederzeit unter Kontrolle zu haben. Ich habe diesem Yogaweg den neudeutschen Namen „Mind-Management“ gegeben.

Die Bhagavad Gita

Sehr hilfreich waren mir auf meinem Weg die pragmatischen Lebensregeln der Bhagavad Gita. Bhagavad Gita ist ein Teil des großen indischen Epos des Mahabharata. Es beschreibt die Probleme des Kriegers Arjuna auf seinem Yogaweg. Sein geistiger Unterweiser ist Gott Shiva selbst. Er zeigt ihm die drei Yogapfade: Ynana Yoga (Pfad der Weisheit für die, die gerne studieren), KarmaYoga (Pfad des Handelns, des selbstlosen Dienens und Helfens) und Bhakti Yoga (Pfad der Liebe und Verehrung Gottes). Alle diese Pfade führen trotz ihrer Unterschiedlichkeit zum selben Ziel: Einssein mit sich selbst und mit Gott. Das faszinierende an diesen Lektionen ist der Umstand, dass der Krieger Arjuna ein normaler Mensch mit seinen Tugenden aber auch Untugenden, Problemen und Zweifeln ist, der sich auf den Weg macht und dabei Fragen stellt. Die Antworten Shivas auf seine Fragen waren auch mir eine Hilfe.

Die Yogasutras des Patanjali

Den vorläufig letzte Meilenstein bei der Suche nach einer Einbindung von Asana und Pranayama in einen geistigen Überbau bildet die Beschäftigung mit den Yogasutras des Pantajali. Patanjali beschreibt unter anderem den so genannten „Achtfachen Pfad“ oder auch die „Achtfache Blüte“ des Yoga. Auf diesem Pfad sind die Körperübungen (Asanas) bereits die dritte Stufe. Bevor man mit ihnen beginnt, sollte man sich mit den Stufen 1 und 2, den Yamas und Niyamas, auseinandersetzen. Hierbei handelt es sich um 10 ethisch- moralische Regeln, die den christlichen zehn Geboten ähneln. Diese Grundregeln sollen  dem Übenden Richtlinien für die Yogapraxis und den Alltag sein und dafür Sorge tragen,  dass der Übende Yoga mit reinem Herzen und reiner Seele ausführt.
Die Yogasutras  stammen aus Überlieferungen, die wahrscheinlich im zweiten Jahrhundert  v. Chr. von Patanjali zusammengefasst wurden.  Die 195 prägnanten Sentenzen zählen zu den ältesten und wichtigsten Texten, die sich ausschließlich mit Yoga befassen. Die klassischen Lehrsprüche des Patanjali haben alle Zeiten überdauert und gehören heute zu jenen wenigen Werken der spirituellen Weltliteratur, in denen die Essenz universeller Weisheit formuliert wird.

Wer sich im Übrigen mit der Geschichte der verschiedensten Yoga-Lehren und Konzepte beschäftigt, wird feststellen, dass es sowohl die Tendenz gegeben hat, den Yogaweg auf die reine Körperpraxis zu reduzieren als auch die Tendenz, die geistigen Aspekte in den Vordergrund zu stellen. Auch in der heutigen westlichen Yoga-Szene finden wir beide Tendenzen: Eine ganzheitlichen Sichtweise, die sich um den Yoga in seinen körperlichen, geistigen und spirituellen Aspekten bemüht und rein körperbetonte Trends, die im Yoga die perfekte Methode für eine gute Figur sehen, à la Julia Roberts:“ Ich will nicht mein Leben verändern; nur meinen Po“. 

Wo ich nun schon einmal mit Julia Roberts im Hier und Heute der Yogawelt angekommen bin, ist es interessant festzustellen, dass sich gerade in den zurückliegenden zwei Dezennien viel in der Yogaszene getan hat. Yoga hat mitten im sozialen Leben Einzug gehalten. Berufsgruppen wie Anwälte, Ärzte, Schauspieler und Berufssportler begannen Yoga in ihr Leben zu integrieren, aber auch in Institutionen wie Schulen, Universitäten und Betrieben nimmt Yoga heute einen festen Platz ein.

Mein Einstieg in Yogasutra erfolgte nicht zuletzt deswegen über den „achtstufigen  Pfad“, weil es sich hierbei um einen abgegrenzten, überschaubaren Lern- und Übungsstoff handelt. Meinem  Ziel, den Sinn der Sutras zu erfassen, bin ich dadurch näher gekommen, dass ich den Inhalt der insgesamt 29 Sutren des „achtstufigen Pfades“ und deren Kommentierungen in 25 Fragen und kurzgefassten Antworten abgebildet habe. Die   Fragestellungen habe ich zum Gegenstand meiner Meditationsübungen gemacht. Zu diesem Zweck habe ich den Fragenkatalog während des Yogasitzes gut lesbar vor mir auf dem Fußboden aufgestellt (was auch die Form der Präsentation in POWERPOINT erklärt).
Nachdem der Samen, den ich mit dem „achtfachen Yogapfad“ gelegt hatte, aufgegangen war, hatte ich das dringende Bedürfnis, mich mit den weiteren über den Yogapfad hinausgehenden Sutren zu befassen und diese ebenfalls in der vorstehend beschriebenen „Frage- und Antwortform“ aufzubereiten. Heute liegen vier Teile in jeweils getrennt gebundener Form vor und können somit je nach Bedarf zu meinen Meditationsübungen  herangezogen werden.
Der Wert dieser Meditationshilfen besteht in der knappen und übersichtlichen Form der Aufarbeitung der Sutra-Kommentare zweier bekannter Yoga-Meister. Wenn auch die originalen Sutra-Sentenzen auf knapp drei Schreibmaschinenseiten zusammengefasst werden können, so bedenke man, dass die mir vorliegenden Kommentare 600 Buchseiten umfassen. Beim Studium der Grundwerke dieser beiden Yoga-Meister fiel mir zudem auf, dass die Ausführlichkeit und inhaltliche Aussage der beiden Kommentare zu den einzelnen Sutras sehr verschieden sein konnten. Letztlich habe ich dann jeweils die Kommentare übernommen, die am ausführlichsten und für mich am verständlichsten waren. 

Im Yoga leben – ein Leben lang

Nachstehend ist das Inhaltsverzeichnis zu meinen „Fragen und Antworten“ abgebildet, das in die Teile 1 bis 4 untergliedert ist.  Diejenigen, die sich geführt durch diese Fragen und Antworten mit den Sutras des Patanjali befassen möchten, haben die Möglichkeit, sich die einzelnen Teile durch Anklicken der entsprechenden Links unter dem Inhaltsverzeichnis als PDF herunter zu laden und am Bildschirm anzusehen.
Ich wünsche allen, bei denen ich das Interesse an den Sutras des Patanjali wecken konnte, dass die „Fragen und Antworten“ sie auf Ihrem lebenslangen Yogaweg inspirieren.

Ulrich Borggräfe,
borgu@t-online.de
September 2011




Die einzelnen Teile stehen hier zum Download (pdf-Dateien) bereit:

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4