Herzens-Geschichte

Rose_2 Von Thomas Fuchs

«DAS HERZ»  kann man darüber heute noch schreiben? Als Lukas sein Evangelium schrieb, war das Herz, unter dem Maria ihr Kind trug, das Herz, in dem sie auch die Worte der Hirten bewahrte und bewegte. Aber was hat heute das Herz der Transplantationschirurgen noch gemeinsam mit dem Herz, das man erobert, sich fasst, in den Baum schnitzt, mit dem Herz, in das Gott sieht, oder mit dem Herz, dem zu folgen Buchtitel uns auffordern?

Im 20. Jahrhundert gibt es offenbar ganz verschiedene Herzen: das körperlich-anatomische, das seelische, das vitale und das spirituelle Herz. Wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Bedeutungen eines einzigen Wortes? Welche Erfahrungen liegen ihnen zugrunde?

Das körperlich-anatomische Herz ist das Organ in der Brust, der Hohlmuskel - auch gerne «die Pumpe» genannt. Das vitale Herz spüren und wissen wir als Zentrum unseres Lebens, als Verkörperung der unaufhörlichen Lebensbewegung. Es ist das einzige Organ, das aus dem Schweigen des Körpers heraustritt, das in seiner Tätigkeit gehört und getastet werden kann - wie ein eigenes Lebewesen in unserem Inneren. Hier sind wir auch am verletzlichsten. Der stolpernde oder stockende Puls ist bereits eine massive Bedrohung; Stillstand wäre Tod. Daher auch das Vernichtungsgefühl, das bei Angina pectoris oder beim Herzinfarkt auftritt: Es ist die unmittelbare leibliche Empfindung der Todesbedrohung.

Das seelische Herz ist der Raum in der Brust als zentraler Resonanzraum unserer Gefühle. Hier spüren wir Enge, Beklemmung, Angst, Trauer, Zorn oder Hass. Bei anhaltender Trauer oder Depression schließen sich Panzerplatten über der Brust - der eiserne Heinrich im Märchen vom Froschkönig spricht davon. Andererseits spüren wir hier auch befreiende Freude, Wärme, Offenheit und Liebe. All diese seelischen Regungen bleiben immer gebunden an feine Empfindungen im Brustraum; und schließlich ist ja auch das «klopfende Herz» ein Seismograph unserer Gefühle.

Das spirituelle Herz schließlich ist das Organ des innersten Selbst, des Gewissens. Das Herz führt ein leiblich spürbares und nicht willentlich unterdrückbares Eigenleben, es hält dem Menschen ein Spiegelbild seines unbewussten Zustandes vor. So wurde es naturgemäß zum Organ der Selbstgegenüberstellung, der inneren Wahrheit. Die Stimme des Gewissens kann sich im Herzschlag kundgeben («ihm schlug das Gewissen», heißt es im Buch Samuel), und in E. A. Poes Erzählung «Das verräterische Herz» entlarvt es den Mörder. Der «Gewissensbiss» oder «Gewissenswurm» nagt als Schmerz in der Brust, die Schuld lastet auf ihr.

Das Herz ist also das «psychosomatische Organ» schlechthin. Es sind ursprüngliche leiblich-seelische Erfahrungen und nicht eine künstlich hergestellte Metaphorik, die es zum Organ und Raum des «Gemüts», der Gefühlsregungen prädestiniert haben. Die Herzsymbolik ist viel späterer Herkunft: sie taucht erst auf im Gefolge der neuzeitlichen, dualistischen Abtrennung des rein materiell aufgefassten Körpers von den seelischen Erlebnissen. Danach konnten die Zusammenhänge von Herz und Liebe oder Herz und Gewissen nur noch symbolisch oder metaphorisch (miss)verstanden werden.

Die Redewendungen vom Herz sind kein Zufall. Fast immer zeigt sich, dass die Sprache zwar bildlich, aber nicht rein symbolisch ist, sondern immer auf ein tatsächliches leibliches Spüren oder eine seelische Erfahrung Bezug nimmt - selbst der «Stein», der vom Herzen fällt, ist als Erleichterung im Brustraum beim «Aufatmen» durchaus spürbar.

Lange bevor seine physiologischen Funktionen überhaupt in den Blick traten, bezeichnete das Herz das Zentrum des Lebens: im mythischen Bewusstsein war sein innerer Rhythmus magisch verbunden mit den Rhythmen der Natur und des Kosmos. Das Herz galt als Träger der Lebenskraft, derer sich manche Stämme bemächtigen wollten, indem sie das Herz des Feindes verzehrten. Die Azteken brachten es bei ihren Menschenopfern dem Sonnengott dar, um so die Sonne am Leben zu erhalten und das Fortbestehen der Weltordnung zu sichern.

Früh beginnt aber auch die spirituelle Geschichte des Herzens. Im Ägypten der Pharaonen war es nicht nur das Organ der Lebenskraft und des Denkens; sein Puls war auch die Stimme des Gewissens. Im Jenseits wurde es beim Totengericht auf der Waage gegen die Norm des rechten Lebens gewogen und konnte gegen seinen Besitzer aussagen. Beschwörungsformeln sollten es günstig stimmen: «O Herz, das zu meinem Wesen gehört! Tritt nicht gegen mich als Zeuge auf, bereite mir keinen Widerstand vor den Richtern, widersetze dich mir nicht vor dem Waagemeister ... Sage keine Lügen gegen mich bei dem Gott.»

Auch im Alten Testament ist das Herz das Organ der inneren Wahrheit: Gott sieht nicht auf das Äussere, sondern auf das Herz (1. Samuel 16, 7); er prüft den Menschen auf Herz und Nieren (Jeremias 11, 20). Besonders häufig ist die Redeweise von der «Verhärtung des Herzens» (griechisch sklerokardía): Gott verhärtet das Herz dessen, den er verderben will; wer sich von Gott abwendet, hat ein Herz aus Stein (Ezechiel 36, 26). Das Herz ist weiter auch der Sitz des Denkens und der Einsicht - was sich bis in die englischen und französischen Wendungen «to learn by heart» oder «apprendre par coer» (auswendig lernen) erhalten hat.

In Griechenland galt das Herz seit der archaischen Zeit als Zentrum der Gemütsbewegungen. Der thymós, also Brust und Herz, ist bei den Homerischen Helden Schauplatz für den Streit der Emotionen wie auch göttlicher Mächte. Bei Platon sinkt das Herz ab zum mittleren, «muthaften» Seelenteil, niedriger als die vernünftige Seele im Gehirn, aber auch ihr Helfer im Kampf gegen die triebhaften Instinkte des Bauches. Aristoteles schliesslich sieht im Herz vor allem das Zentralorgan der Sinneswahrnehmung. Von ihm stammt auch der Gedanke des primum vivens ultimum moriens: das im Embryo zuerst bewegte Herz stirbt im Tod zuletzt. Als Zentrum der unteilbaren Seele kann es auch nicht erkranken - Herzkrankheiten sind im Altertum so gut wie unbekannt.

Dennoch beginnt in Griechenland die naturwissenschaftliche und medizinische Geschichte des Herzens. Seit je galt es als Ort der Lebenswärme - traditionell ist die Analogie von Herz und Sonne. So nahm man an, in der linken Herzkammer brenne eine Art Feuer, in dem das Blut wie überkochende Milch anschwillt und verdampft; aus dem Überstand entstehe das «Pneuma» als feinstoffliches belebendes Prinzip, das über das Blut im Körper verteilt wird. Das Gehirn galt zunächst nur als eine kühlende Masse für das Herzfeuer - es verhalf den Sinnesorganen gewissermassen zu einem «kühlen Kopf».

Für lange Zeit hatte so das Herz die Vormachtstellung im Körper inne. Erst die alexandrinischen Ärzte des dritten und zweiten Jahrhunderts v. Chr., die auch Menschen sezierten, klärten durch ihre Erforschung des vom Gehirn ausgehenden Nervensystems seine Rolle als Organ der höheren Seelenfunktionen, die sich nach ihrer Auffassung durch das Pneuma in den Nerven dem Körper vermittelten. Diese Erkenntnisse wurden später von dem griechischen Arzt Galen (131-200 n. Chr.) kodifiziert. Seine Lehre von der Bewegung des Blutes aus dem Herzen in die Peripherie des Körpers, wo es versickert, galt bis weit ins 17. Jahrhundert als unumstösslich.

Die in der Antike gesammelten physiologischen und medizinischen Kenntnisse gingen im Mittelalter weitgehend verloren. Im Vordergrund stand das Herz als Ort der unsterblichen, aber sündigen Seele, seit Augustinus ein fester Bestandteil der kirchlichen Morallehre. Die christliche Mystik entdeckte das blutende Herz Jesu als Gegenstand der Verehrung und ekstatischer Visionen wie jener Katharina von Sienas oder Theresa von Avilas.

Irdischer nahm sich dagegen das ritterliche Herz des Mutes und der Tapferkeit aus (coer-courage): Ein anatomisch grosses Herz war Zeichen von Willensstärke und Tatkraft - daher Namen wie Richard Löwenherz; ein kleines Herz konnte nur einem Schwächling und Feigling gehören. Eine Verweltlichung des Herzens brachte auch die Minne und ihre Lyrik, die das Herz als Organ der erotischen Liebe, des «Herzenstauschs», entdeckte. Seither wurde es zum festen Bestandteil der Volksdichtung: Herz begann sich auf Schmerz zu reimen.

Dass Mut und Gemüt, Liebe und Tugend, ja die unsterbliche Seele selbst im Herzen beheimatet sind, war also in der landläufigen Auffassung zu Beginn der Neuzeit noch selbstverständlich. Unter dem Einfluss der fortgeschritteneren arabischen Medizin schrieben zwar die gebildeten Kreise geistige und seelische Funktionen allmählich wieder dem Gehirn zu. Da die Seele aber nach theologischer und medizinischer Auffassung doch in allen Teilen des Körpers gegenwärtig war - eine von der Kirche auf dem Konzil von Vienne 1311 verbindlich festgelegte Lehre -, herrschte zur volkstümlichen Anschauung noch kein unüberwindlicher Gegensatz.

Dies änderte sich grundsätzlich mit der dualistischen «Entseelung des Körpers» in der neuzeitlichen Naturwissenschaft. René Descartes (1596-1650) entwarf als erster ein Maschinenmodell des Körpers, dessen automatische Abläufe vom Herzmotor angetrieben und vom Gehirn zentral gesteuert werden. Die Seele wurde nun zu einem außerräumlichen Wesen, das nur noch an einem Punkt im Gehirn (der Zirbeldrüse oder Epiphyse) Verbindung mit der materiell-ausgedehnten Welt hat.

Die Erfahrung von Gefühlen in der Herzgegend erklärte Descartes konsequent als illusionäre Projektion: «Was die Meinung derjenigen betrifft, die denken, dass die Seele die Leidenschaften im Herzen empfange, so ist sie nicht weiter der Beachtung wert.» Diese Scheinempfindungen seien nur durch einen Nerv verursacht, «der vom Hirn ins Herz hinabreicht, so wie der Schmerz auch gleichsam im Fuss empfunden wird mittels der Fußnerven.»

Eine wesentliche Rolle für dieses neue Paradigma spielte William Harveys Entdeckung des Blutkreislaufs 1628, die die Medizin revolutionierte. Für Harvey selbst wäre die Konzeption des Herzens als Pumpe noch völlig ferngelegen. Er war Aristoteliker und Vitalist; er betrachtete das Herz als ein «eigenes Lebewesen», als die «Sonne des Mikrokosmos», die das Blut belebt, erfrischt und Wärme über den Körper verbreitet wie die Sonne über die Erde.

Für Descartes und seine Nachfolger jedoch waren Herz und Kreislauf nur noch ein hydraulisch getriebenes Pumpen- und Röhrensystem, für das nicht mehr die Kreisbewegung der Himmelskörper Pate stand, sondern der Takt des neuzeitlichen Uhrwerks. Das Herz musste sich mit einer mechanisch-dienenden Stellung unter dem Prinzipat des Gehirns begnügen, dessen Steuerung immer mehr Körperfunktionen, schliesslich auch der Herzschlag selbst zugeschrieben wurden.

«Man hat das Herz als die Sonne, ja als König begrüsst, während man doch, wenn man genauer hinsieht, nichts findet als einen Muskel», so schrieb wenig später der dänische Arzt und Bischof Niels Stensen. Das «kalte» Gehirn hatte den Kampf um die Vorherrschaft im Organismus gegen das «warme» Herz gewonnen. Oder spiegelt sich darin nur der Sieg der wissenschaftlichen ratio über das Gemüt?

Schon sehr bald setzte mit Blaise Pascals «logique du coer» eine Gegenströmung ein: «Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.» Doch vermochte sie dem physiologisch untermauerten Dualismus auf die Dauer nicht standzuhalten. Abgedrängt auf die schon von Descartes vorgezeichnete Ebene der Projektion, des «Als-ob», brachte sie nur noch eine schöngeistige, pietistische oder erotische Herzsymbolik hervor, deren Überschwang den tatsächlichen Sieg des cartesianischen Denkens nur bestätigte.

Parallel zur wissenschaftlichen Entzauberung und Mechanisierung des Herzens steigerte sich die Erbauungsliteratur im 17. und 18. Jahrhundert zu schwülstigen Allegoresen. Da wird das sündige Herz - etwa in den «Emblemata sacra» des Daniel Cramer - auf einen Amboss gelegt und gehämmert, zersägt und gespalten, geschliffen, umgeschmolzen, geröstet und eingesperrt; oder in einem Emblem des evangelischen Moralisten Schottelius vom geharnischten Arm des schlechten Gewissens blutend in einer Zange gehalten.

1673 sah die Salesianernonne Marguérite Alacoque in ihren Ekstasen Christus, der ihr sein Herz öffnete und ihr sündiges gegen ein himmlisches Herz austauschte. Die Renaissance der mittelalterlichen Herz-Jesu-Verehrung wurde darauf zum schwärmerischen Massenkult. Nach hinhaltendem Widerstand der rationalistischer orientierten römischen Zentralkirche wurde dem «heiligen Herzen» schließlich 1765 ein eigener Feiertag zugestanden.

Ein letzter Höhepunkt der Bewegung war die Gründung der Kirche Sacré Coer in Paris - im gleichen Jahr 1912, in dem James Herrick in Chicago die erste klinische Beschreibung eines Herzinfarkts gab. Nach 1920 kam es (auch in absoluten Zahlen) zu einer rapiden Zunahme der Herzinfarkte: Das 20. Jahrhundert gehört nun ganz dem medizinischen Herzen.

Erst jetzt zeigte sich die eigentliche Auswirkung von Descartes' Umdeutung der primären Selbsterfahrung auf die Entwicklung der Medizin und auf das Selbstbild des Menschen. Die Trennung von Herz und Gefühl ermöglichte auch die Technisierung des Herzens. Hier, im Zentrum verschiedener Ebenen menschlicher Selbsterfahrung, hat der naturwissenschaftliche Denkstil gerade durch seinen Reduktionismus seine spektakulärsten Erfolge gezeitigt: von der ersten chirurgischen Herznaht 1896 über die Herzkatheterisierung 1929, die Herz-Lungen-Maschine 1953, die erste Schrittmacherimplantation 1958 bis hin zur ersten Herztransplantation 1967 und schließlich zum tragbar mitgefühlten, lärmenden Kunstherz der achtziger Jahre. 1984 wurde in Los Angeles dem Baby Fae ein Pavianherz eingepflanzt (es lebte nur 3 Wochen); für 1997 ist die Transplantation eines Schweineherzens in den menschlichen Körper geplant.

Vieles ist zur Routine geworden, und kaum einer wird noch befürchten, er werde seine Frau nicht mehr lieben, weil ihm ein fremdes Herz eingepflanzt werden muss. Rund 40 Herzen werden jährlich in der Schweiz transplantiert, Tausende von Herzschrittmachern neu eingesetzt und Tausende von Bypass-Operationen durchgeführt.

Dass das Herz in unserem Bewusstsein als Prinzip des Lebens und der Seele abgedankt hat, beleuchten nicht zuletzt zwei Wandlungen in der medizinischen Ethik. Die eine betrifft die Anfänge des Lebens: Nicht nur, dass die Abtreibung auch nach dem zweiten Schwangerschaftsmonat, dem Zeitpunkt des beginnenden Herzschlags, zur Selbstverständlichkeit geworden ist; die Methoden der Infertilitätsbehandlung haben es vielerorts auch mit sich gebracht, dass «überzählige» Embryonen im Mutterleib durch Injektion eines Herzgifts getötet werden.

Die zweite Veränderung betrifft das Sterben. Dass ein Toter noch ein schlagendes Herz habe, wäre noch vor nicht langer Zeit eine widersinnige Aussage gewesen; mit der Erfindung des Hirntods zu Transplantationszwecken hat das Herz jedoch als Lebenskriterium ausgedient. Die Krankenschwestern müssen sich damit abfinden, einen «hirntoten» Menschen mit rosiger Haut und schlagendem Herzen gleichzeitig als Leichnam anzusehen und zu versorgen

WO IST NUN das seelische Herz in der Medizin geblieben? Tatsächlich war es nie tot, es hatte nur sehr leise geschlagen. Parallel zum Siegeszug der technisierten Medizin, wenn auch eher in ihrem Schatten, kehrte es zurück. In den Schützengräben des Ersten Weltkriegs traten bei gesunden Frontsoldaten erstmals massenhaft Herzerkrankungen auf, die sich nicht organisch erklären ließen. «Angstherz», «Kriegsherz», «soldier's heart» lauteten die ebenso bildkräftigen wie ratlosen Diagnosen.

«Mancher konstitutionell Schwächliche, der bei ruhiger Friedenstätigkeit vielleicht niemals etwas von seinem Herzen gespürt hätte, erkrankte unter den physischen und psychischen Einwirkungen des Kriegsdienstes, da er diesem von vornherein nicht gewachsen war», so der Herzspezialist und Generalarzt August Hoffmann. «Das Pflichtgefühl und der Wunsch, die Heimat zu schützen», seien immer mehr zugunsten «egozentrischer Gefühle» zurückgedrängt worden. Der Krieg ging vorüber, aber die Herzangstneurose wurde, gleichsam als die seelische Schwester des Herzinfarkts, zu einer Erkrankung des Jahrhunderts.

Doch auch die organischen Herz-Kreislauf-Krankheiten wurden von der Psychosomatik mehr und mehr mit dem Gefühlsleben und der Lebensführung in Verbindung gebracht. Diese Erkenntnis war freilich nicht neu. Doch mutet es heute eher als Kuriosität an, wenn wir etwa noch 1818 bei dem Arzt Friedrich von Nasse lesen, dass sich das Herz von Verbrechern, hartherzigen oder gewaltsamen Menschen bei der Obduktion tatsächlich als «körperlich verhärtet, in seinem Inneren verderbt oder auch verkehrt liegend» erwiesen habe - woran die Verbindung von Herz und Seelenleben erkennbar sei.

Die moderne Epidemiologie hat die Sünden des Herzkranken eher an anderer Stelle gefunden: in Tabak, Ernährung, Cholesterin und Stress. Jetzt sind es nicht mehr Priester und Kirche, sondern der Arzt und die Medizin, die das schlechte Gewissen verursachen; den Schuldgefühlen folgt die Busse in Form von Diät, Abstinenz, Laufen und Trimmen. Doch die Zusammenhänge reichen tiefer.

Was macht unsere Herzen so krank? Nach psychosomatischen Erkenntnissen stehen die Menschen, die an Bluthochdruck und koronarer Herzkrankheit leiden, sehr oft in einem ständigen Ringen mit der Umwelt: Ehrgeiz, Konkurrenzdenken, Ungeduld, Gereiztheit, latente Feindseligkeit und Unterdrückung von Gefühlen nagen am Herz. Was bedeutet dies im Grunde anderes als die alte «Verhärtung des Herzens»?

Die sklerokardía wäre demnach eine mögliche Vorbedingung für die «Arteriosklerose», für die Verhärtung der Herzkranzgefäße. Und so enthält auch eine inzwischen weithin anerkannte Therapie der koronaren Herzkrankheit, die des amerikanischen Kardiologen Dean Ornish, als wesentliches Element die schrittweise «Öffnung des Herzens»: nämlich die Wahrnehmung der eigenen Gefühle, die Überwindung von Isolation, das Wiedererlangen der Mitleidsfähigkeit. Offensichtlich trägt diese seelische Wandlung zu einem Stillstand, ja mitunter sogar zu einem Rückgang der Koronarsklerose bei. Nicht nur in seinem Rhythmus, auch in seiner Erkrankung spiegelt also das Herz unser seelisches Leben.

Die allen Zeiten bekannte Verknüpfung von Herz und Gefühlsleben beginnen wir heute wieder neu zu entdecken. Die verschiedenen Herzen gehören zusammen.

Thomas Fuchs ist Medizinhistoriker und Facharzt an der Psychiatrischen Klinik der TU München. 1992 erschien von ihm bei Suhrkamp das Buch «Die Mechanisierung des Herzens».